Sex Education: Staffel 1

5. Januar 2020

Sex sells, sagt man. Bei der britischen Serie Sex Education, die innerhalb eines Monats von über 40 Millionen Zuschauern bei Netflix gestreamt wurde, mag das wohl irgendwie zutreffen.

Let’s talk about sex

Otis (Asa Butterfield) lebt bei seiner Mutter, der erfolgreichen Sex-Therapeutin Jean Milburn (Gillian Anderson). Von daher dürfte die schönste Nebensache der Welt eigentlich kein großes Ding für den 16jährigen sein. Doch Otis wirkt auch aufgrund der Offenheit seiner Mama überaus gehemmt und zwar derart, dass der junge Mann nicht einmal bei sich Hand anlegt. Als er jedoch Adam (Connor Swindells), dem tumben und seine Altersgenossen schikanierenden Sohn von Schuldirektor Groff (Alistair Petrie), einen wirkungsvollen Ratschlag gibt, sieht Maeve (Emma Mackey), eine als promiskuitiv verschriene Mitschülerin, großes Potenzial. Sie überredet Otis zum Betrieb einer geheimen „Sexklinik“, in welcher er seine Mitschüler in sexuellen Dingen beraten soll. Nach einiger Zeit beschleicht Otis das Gefühl, die ganze Sache könnte ihm über den Kopf wachsen. Zudem hat er nun weniger Zeit für seinen besten Freund, den offen homosexuellen Eric (Ncuti Gatwa), der aus einer religiösen ghanaischen Migrantenfamilie stammt. Maeve kämpft derweil mit ihren eigenen Problemen. So möchte ihr Sex-Buddy, der Schülersprecher und Leistungsschwimmer Jackson (Kedar Williams-Stirling), nun eine richtige Beziehung mit ihr führen…

Lange hatte ich mich nicht an Sex Education herangewagt, in der falschen Annahme, die britische Netflix-Produktion wandle auf den Sexklamauk-Pfaden von American Pie und dessen unzähligen/unsäglichen Fortsetzungen. Kurz vor Jahresende sichtete ich schließlich doch die acht Folgen innerhalb von kürzester Zeit und habe es nicht bereut. Die Serie von Debüttantin Laurie Nunn (die laut imdb.com bisher nur an Kurzfilmen arbeitete) kann man sicherlich grob dem Genre Comedy zuzuordnen, platte Gags werden hier allerdings vermieden. Zwar gibt es immer wieder herrlich witzige Szenen, doch stellt Sex Education seine Figuren nie bloß. Bezüglich des Personals wird vom nicht sehr hellen „Schlägertypen“ (Adam), der beliebten Sportskanone (Jackson), einer narzisstisch-oberflächlichen Schickiemickie-Gang bis zu einigen schrägen bis nerdigen Charakteren so ziemlich alles geboten, eine gute Mischung aus bekannten Teenagerkomödien-Versatzstücken, nur eben ohne überzogenen Kitsch.

Sex Education das eigentlich „Sex Therapy“ oder „Sex Counseling“ heißen sollte, weil Protagonist Otis seine betreffenden Mitschüler nicht erzieht, sondern berät – hält gekonnt die Balance zwischen humoristischer Aufarbeitung und dem notwendigen Ernst, den die einzelnen Situationen erfordern. Da geht es nicht nur um sexuelle Details, sondern vor allem um damit untrennbar verbundene, nicht selten zwischenmenschliche Aspekte/Problematiken wie etwa die Dynamik einer Beziehung, Mobbing, Bodyshaming und der Umgang mit Zurückweisung. Die meisten Folgen beginnen mit einem Paar, dessen Problem dann im Verlauf gelöst wird. Diese Struktur wird jedoch nicht stur durchgehalten. Vor allem präsentiert uns Sex Education vielschichtige Charaktere, deren äußerer Schein oft die innere Unsicherheit überlagert, was überwiegend natürlich auf die Jugendlichen zutrifft, aber nicht ausschließlich. Auch für Otis‘ Mutter Jean, die Beziehungen so intelligent zu analysieren weiß, läuft nicht immer alles nach Plan. Zwar gibt sie sich ihrem Sohn gegenüber sehr offen und verständnisvoll, reagiert aber auf dessen Schweigsamkeit mit überfürsorglichen Aktionen.

Die Show kann sich auf ein starkes Ensemble verlassen, welches mit Ausnahme der beiden „Headliner“ Asa Butterfield (Hugo Cabret, Ender’s Game, Die Insel der besonderen Kinder) und Gillian Anderson (Akte X, The Fall: Tod in Belfast, American Gods), die sich in den letzten Jahren zu einer meiner Lieblingsschauspielerinnen entwickelt hat, aus bisher unbekannten und daher unverbrauchten Gesichtern wie Emma Mackey als Maeve und Ncuti Gatwa als Eric besteht. Der bunte Vintage-Look und schöne Panorama-Aufnahmen runden das Gesamtbild gekonnt ab.

Die komplette erste Staffel von Sex Education ist seit dem 11. Januar 2019 bei Netflix abrufbar. Am 17. Januar 2020 kommt Staffel 2.

Sex Education: Staffel 1 (Sex Education: Season 1)
Comedyserie UK 2019. 8 Folgen. Gesamtlänge: ca. 400 Minuten. Mit: Asa Butterfield, Gillian Anderson, Emma Mackey, Ncuti Gatwa, Connor Swindells, Kedar Williams-Stirling, Alistair Petrie, Aimee Lou Wood u.v.a. Idee: Laurie Nunn. Regie: Ben Taylor und Kate Herron.


Credits:
Bilder (c) Netflix.


Undone

27. Dezember 2019

Nach einem schweren Autounfall beginnt eine junge Frau merkwürdige Zeitsprünge zu erleben. Außerdem erscheint immer wieder ihr toter Vater…

Schamanismus oder Schizophrenie?

Alma (Rosa Salazar), eine Frau Ende 20, ist mit ihrem bisherigen Leben unzufrieden, scheut sich aber auch davor, sesshaft zu werden. Die Verlobung ihrer Schwester Becca (Angelique Cabral) mit dem reichen Reed (Kevin Bigley) nimmt sie zum Anlass, ihre Lebensentscheidungen in Frage zu stellen und die Beziehung mit Lebensgefährte Sam (Siddharth Dhananjay) zu beenden. Völlig aufgelöst baut Alma nach einem Streit mit ihrer Schwester einen schweren Autounfall. Im Krankenhaus aus dem Koma erwacht erscheint Alma plötzlich ihr Vater Jacob (Bob Odenkirk), der vor 17 Jahren ums Leben kam. Jacob möchte seiner Tochter nun beibringen wie man die Grenzen von Raum und Zeit überwinden kann um dadurch die genauen Umstände seines Todes aufzuklären. Von den ständigen Wechseln zwischen realer Welt und plötzlichen Zeitsprüngen fühlt sich Alma überfordert und versucht daher eine gesunde Balance zu finden. Da sich ihr unberechenbares Verhalten auch auf ihren Job in einer Kindestagesstätte auswirkt rät Almas Chef Tunde (Daveed Diggs) zu einer Auszeit während Mutter Camila (Constance Marie) ihrer Tochter die Einnahme von Psychopharmaka nahelegt…

Spätestens seit Legion (einer überaus genialen Serie, die dieses Jahr leider zu Ende ging) bin ich für außergewöhnliche „Tripps“ gerne zu haben. Dass es sich bei Undone nicht einfach nur eine Show über eine Frau zwischen „Traum und Realität“ handelt, sondern die ganze Geschichte in animierter Form präsentiert wird, weckte bereits kurz vor der Veröffentlichung im September 2019 mein Interesse. Undone stammt aus der Feder von Raphael Bob-Waksberg, dem Schöpfer der preisgekrönten Netflix-Animationsserie BoJack Horseman (2014-2020), und Kate Purdy, die ebenfalls als Autorin/Produzentin bei „BJH“ arbeitet. Ursprünglich als reine Live-Action-Produktion geplant erkannten Bob-Waksberg und Purdy aber bald, dass Animation sich besser für die Darstellung der verzerrten Realität eignet. Gedreht wurden alle Szenen in einem schwarzen, ca. 13 m² kleinem Raum mit minimaler Ausstattung und die Bilder hinterher durch das Rotoskopie-Verfahren n den Minnow Mountain Studios in Texas sowie den Submarine Studios in Amsterdam animiert. Regie führte der Niederländer Hisko Hulsing.

Nach Sichtung der acht Episoden kann ich mir keine bessere Machart für die Serie vorstellen. Vor allem weil Undone eben nicht den Verlockungen von „Style over Substance“ verfällt. Im Gegenteil. Eigentlich müsste die Show völlig überladen wirken, wenn man bedenkt welche unterschiedliche Themen/Motive Bob-Waksberg, Purdy und ihre Co-Autoren in acht Folgen à 22 bis 23 Minuten Laufzeit packen. Ähnlich wie im Fall von David „Legion“ Haller stellt sich auch bei Protagonistin Alma die Frage ob sie besondere Fähigkeiten besitzt oder einfach aufgrund einer erblichen bedingten Schizophrenie (an welcher Jacobs Mutter litt) den Sinn für Realität verliert. Diese Dualität bildet den Kernpunkt der Handlung. Undone befasst sich zudem mit dem spirituellen Erbe indigener Völker. Zu Lebzeiten hat Almas jüdischstämmiger Vater die Lebensweise der Vorfahren seiner aus Mexiko stammenden Ehefrau studiert. Liegt darin der Schlüssel zum tieferen Verständnis der Natur? In Undone geht es allerdings um viel mehr: familiärer Zusammenhalt in schwierigen Zeiten, prägende Kindheitserinnerungen, schmerzlicher Verlust usw.

Neben dem einzigartigen Look und ihrem spirituell-wissenschaftlichem Unterbau punktet die Serie vor allem mit gut ausgearbeiteten Figuren. Im Zentrum steht natürlich Rosa Salazar (Alita: Battle Angel) als Alma, deren widersprüchlicher Charakter und Aussehen sie auf mich wie eine Art Hybrid aus der von Aubrey Plaza gespielten Lenny aus Legion und Tiabeanie, der Heldin aus Disenchantment, wirken lassen. Diese Hauptfigur passt perfekt in eine wundervoll stimmige, bewegende und teilweise auch humorvolle Geschichte.

Die erste Staffel von Undone ist seit dem 13. September 2019 bei Amazon Prime abrufbar. Eine zweite Season wurde im November 2019 bestellt.

Undone
Animationsserie/Fantasy/Science-Fiction-Drama USA 2019. 8 Folgen (Staffel 1). Gesamtlänge: 180 Minuten. Mit: Rosa Salazar, Bob Odenkirk, Angelique Cabral, Constance Marie, Siddharth Dhananjay, Daveed Diggs u.a. Idee: Raphael Bob-Waksberg und Kate Purdy. Regie: Hisko Hulsing.

 

Credits
Bilder (c) Amazon.


Fallet (Kurzkritik)

22. Oktober 2019

Schweden-Krimis sind als Bücher, Filme und Serien schon seit einigen Jahren der große Renner in Deutschland. Ich persönlich kann dem Genre eher wenig abgewinnen. Dennoch habe ich mir die auf Netflix verfügbare Scandi-Noir-Parodie Fallet angesehen.

Der trottelige Tom und die schießwütige Sophie

Tom Brown (Adam Godley) aus der englischen Stadt St. Ives und Sophie Borg (Lisa Henni) von der Polizei Stockholm sind beide auf ihre Art erfolglose Ermittler. Als letzte Chance vor dem beruflichen Aus sollen die beiden Gesetzeshüter den sadistischen Mord an einem Engländer in Sophies Heimatstadt Norrbacka aufklären. Die spärliche Polizeitruppe in der schwedischen Kleinstadt um Chef Klas Wall (Tomas von Brömssen), den dämlichen Hilfspolizist Bill ( Christoffer Nordenrot) und der wenig Frohsinn ausstrahlenden finnischen Forensikerin Sonja (Stina Rautelin) hat wenig Erfahrung mit Mordfällen. Spuren führen zu einem Schüleraustausch zwischen Norrbacka und St. Ives, der 35 Jahre zurückliegt und an welchem damals auch Sophies Mutter Kristina (Lia Boysen) teilnahm. Aber auch der einflussreiche Firmenbesitzer Arne Arnesen (Björn Granath) gerät ins Visier der Ermittler…

Wie bereits erwähnt sind sogenannte Scandi-Noir-Krimis aus Schweden nicht wirklich mein Fall. Zwar habe ich alle Folgen der BBC-Variante von Kommissar Wallander (2008-2015) nach den Romanen von Henning Mankell gesehen (wegen des Hauptdarstellers Kenneth Branagh und der stimmungsvollen Inszenierung, nicht wegen der zum Teil reißerisch-sadistischen Serienkiller-Plots), aber richtig warm geworden bin ich damit kaum. Wortman empfahl bereits letztes Jahr mit Fallet eine Art Parodie des Genres. Aber aufgepasst, der Achtteiler mit knapp halbstündigen Episoden bietet kein Gagfeuerwerk à la Die nackte Kanone (oder deren Serien-Vorläufer Die nackte Pistole). Stattdessen serviert man hier die üblichen Zutaten des Genres in überspitzter Art und Weise. Fast schon nach einer schwedischen Gebrauchanweisung werden hier und da mögliche Fährten gelegt, etwa in Richtung religiöse Motive, ein möglicher Geheimbund oder politische Machenschaften bis ein „verblüffender“ Plottwist, den man schon nach der Hälfte der Folgen erahnt, dem ganzen Fall einen neue Wendung verschafft. Spaßig sind vor allem die albern-kauzigen, aber irgendwie auch authentischen Figuren. Vor allem Tomas von Brömssen wirkt als Polizeichef von Norrbacka wie eine Mischung aus Wallander auf Valium und dem Koch der Muppet Show. Hilfspolizist Bill dagegen erinnerte mich sehr an Nick Frosts Part in Hot Fuzz. Zum wirklichen Brüller hat es bei Fallet nicht ganz gereicht, auch weil die ganze Sache insgesamt dann doch eher wenig überraschend ausfällt.

Alle acht Episoden von Fallet sind bei Netflix abrufbar.

Fallet
Krimiserie Schweden 2017. 8 Folgen. Gesamtlänge: ca. 224 Minuten. Mit: Adam Godley, Lisa Henni, Tomas von Brömssen, Christoffer Nordenrot, Stina Rautelin, Lia Boysen u.a. Idee: Erik Hultkvist und Rikard Ulvshammar.

Bilder (c) Netflix/SVT 1.


Wu Assassins (Kurzkritik)

6. September 2019

Nach dem Ende von Into the Badlands hatte ich wieder Lust auf eine Martial-Arts-Serie. Wu Assassins, mit Indonesiens Kampfsport-Star Iko Uwais in der Hauptrolle, verknüpft ein Triaden-Krimidrama mit leider etwas halbgaren Fantasy-Elementen.

Kai, der kämpfende Koch

Chinatown, San Francisco. Eigentlich führt der chinesisch-indonesische Koch Kai Jin (Iko uwais) ein einfaches Leben. Tagsüber arbeitet er als Angestellter eines Foodtrucks, abends hilft er im Restaurant seiner Freunde, den Geschwistern Jenny (Li Jun Li) und Tommy Wah (Lawrence Kao), aus. An einem dieser Abende kommt es zu einem Zwischenfall mit einer Gruppe Triadengangster, die Kai daraufhin verfolgen. Doch bevor er es mit den Schlägern aufnimmt, begegnet er in einer Vision der Kriegerin Ying Ying (Celia Au). Diese offenbart ihm, dass er als letzter der sogenannten Wu Assassins dazu ausersehen ist, die Welt vor den zerstörerischen Kräften der Wu Warlords zu bewahren, von denen jeder die Macht über eines der fünf Elemente besitzt. Kai muss die fünf Warlords ausschalten. Doch ausgerechnet sein Adoptivvater, der rücksichtsloser Triaden-Boss Uncle Six (Byron Mann), gehört zu dem mächtigen Personenkreis. Während Kai mit seinem Training bei Ying Ying beginnt, wird die Undercover-Polizistin Christina „CG“ Gavin (Katheryn Winnick) in die Autowerkstatt von Kais bestem Freund Lu Xin (Lewis Tan) eingeschleust, in welcher teure Schlitten nicht nur repariert und aufgemotzt werden…

Iko Uwais, ein indonesischer Schauspieler, Stuntman, Kampfszenen-Choreograph und Experte in Pencak Silat (den traditionellen Kampfkunstformen seiner Heimat) wurde durch seine Rolle in Gareth Evans‘ Actionfilm The Raid (2012), über eine tödliche Razzia in einem von Gangstern kontrollierten Hochhaus, international bekannt. Die Autoren/Produzenten John Wirth (Hell on Wheels, Hap and Leonard) und Tony Krantz (Mulholland Drive, Dracula) schrieben Uwais die zentrale Rolle ihrer Serie Wu Assassins auf den Leib. Fast völlig ohne Wirework glänzt die Netflix-Produktion durch brachiale-rasante, ansprechend inszenierte Prügelszenen. Dafür wurden weitere MA-erprobte Darsteller wie Byron Mann (Streetfighter, The Man with the Iron Fists), Lewis Tan (Into the Badlands, Deadpool 2), Mark Dacascos (Pakt der Wölfe, Born 2 Die) und Katherynn Winnick (bekannt aus der Historienserie Vikings) verpflichtet. Der Fantasyteil überzeugt am wenigsten, auch weil die Effekte teilweise etwas altbacken wirken. Trotz Logiklöcher so groß wie die Golden-Gate-Bridge (und die Skyline von San Francisco, die hier durchgehend ins Bild gerückt wird, obwohl in Vancouver gedreht wurde) bleibt die Spannung hoch, auch weil die Story durchaus ein paar Überraschungen bereithält. Immer dann wenn der Schwerpunkt eher auf der Dynamik zwischen den vier alten Freunden Kai, Lu Xin, Jenny und Tommy liegt wirkt die Serie am stärksten. Ein Gesellschaftsdrama über das Leben und die organisierte Kriminalität in Chinatown ohne übersinnlichen Hoku Pokus wäre aus meiner Sicht die bessere Wahl gewesen.

Die zehnteilige erste Staffel von Wu Assassins ist seit dem 8. August 2019 bei Netflix abrufbar.

Wu Assassins
Action/Fantasyserie USA 2019. 10 Folgen (Staffel 1). Gesamtlänge: 450 Minuten. Mit: Iko Uwais, Byron Mann, Li Jun Li, Lawrence Kao, Lewis Tan, Katheryn Winnick, Celia Au, Tommy Flanagan, JuJu Chan, Tzi Ma u.v.a. Idee: John Wirth und Tony Krantz.

 

Credits
Bilder (c) Netflix.


Derry Girls (Kurzkritik)

14. April 2019

Erwachsenwerden ist nicht einfach. Vor allem nicht, wenn man als Teenager in Derry zur Zeiten des Nordirland-Konfliktes lebt. Aus dieser Ausgangssituation hat Lisa McGee die Comedyserie Derry Girls erschaffen, die hierzulande bei Netflix zu sehen ist.

Teenage Troubles

Erin (Saoirse-Monica Jackson) ist 16 und lebt mit ihrer katholischen Familie, Mutter Mary (Tara Lynne O’Neill) und Vater Gerry (Tommy Tiernan) sowie Tante Sarah (Kathy Kiera Clarke) und Cousine Orla (Louisa Harland) – beide auf ihre eigene Art durchgeknallt – in der nordirischen Grenzstadt Derry. Die Sippe komplettieren der knorrige Großvater Joe (Ian McElhinney) und Baby Anna, Erins Schwester. Gemeinsam mit Orla sowie ihren Freundinnen Clare (Nicola Coughlan) und Michelle (Jamie-Lee O’Donnell) besucht Erin die katholische Mädchenschule „Our Lady Immaculate“, geleitet von der dauergenervten Ordensschwester Michael (Siobhan Sweeney). Zu aller Überraschung wird Michelles englischer Cousin James (Dylan Llewellyn) als erster männlicher Schüler aufgenommen. Weniger die Gefahren des Nordirland-Konfliktes bestimmen die Lebenswirklichkeit der Mädchen, sondern vielmehr ganz normale Teenager-Probleme…

Die fiktionale Verarbeitung des Nordirland-Konfliktes zwischen den unionistischen Protestanten und den irisch-nationalistischen Katholiken, der zwischen Ende der 1960er und Ende der 1990er für etwa 3 500 Todesopfer und über 47 000 Verletzte sorgte, erfolgte bisher (berechtigerweise) nur in ernster Form, in Kinofilmen wie Im Namen des Vaters (1993) und Hunger (2008). Die Bühnen- und Fernsehautorin Lisa McGee (Raw) schuf aus ihren Jugenderinnerungen zur Zeit der „Troubles“ (wie der Konflikt im englischen Sprachraum genannt wird) allerdings kein knallhartes (Teenie-)Drama, sondern eine schräge Comedyserie. Abgesehen vom Setting, dessen tragisch-gefährliche Situation meist nur Hintergrundrauschen darstellt, bietet Derry Girls die üblichen Themen und Problematiken, die Teenager eben bewegen, wie erste romantische/sexuelle Erfahrungen, das Mühsal der Schule, Streit mit den Eltern und die Hoffnung auf eine rosige Zukunft. McGee gestaltet dieses Minenfeld des Erwachsenwerdens als temporeichen Sechsteiler, der nicht nur von seinen eigensinnig bis urigen, gleichzeitig irgendwie authentischen Figuren und dem herrlichen Akzent (die Serie wurde dankenswerterweise nicht in andere Sprachen synchronisiert, sondern ist bei Netflix im Original mit deutschen oder englischen Untertitel verfügbar) lebt. Ohne den schwarzen Humor, einen stark vorherrschenden Katholizismus und die irrational-komisch agierenden Schauspieler (Nicola Coughlan, die Darstellerin der putzigen Clare war bei den Dreharbeiten zur ersten Staffel bereits 30 Jahre alt), darunter der aus Game of Thrones bekannte Ian McElhinney als Opa Joe, wäre Derry Girls nicht einmal halb so spaßig. Diverse Hits aus der Dekade (von Salt’n’Pepa über Ace of Base bis zu Whigfield) und andere Referenzen verankern das Geschehen fest in den 1990ern. Die Ambivalenz des nordirischen Lebens zwischen Normalität und Bombenterror unterstreicht die Schlussmontage auf sehr passende Weise. Im Vereinigten Königreich premierte die Serie im Januar 2018 bei Channel 4 und erreichte mit durchschnittlich 500 000 Zuschauern in Nordirland (ein Marktanteil von ca. 64 Prozent) die höchsten dort jemals gemessenen Einschaltquoten.

Die erste Staffel von Derry Girls ist seit dem 21. Dezember 2018 bei Netflix abrufbar. Vom 5. März bis 9. April 2019 lief Season 2 beim britischen Channel 4.

Derry Girls
Comedyserie UK 2018. 6 Folgen (Staffel 1). Gesamtlänge: ca. 142 Minuten. Mit: Saoirse-Monica Jackson, Louisa Harland, Nicola Coughlan, Jamie-Lee O’Donnell, Dylan Llewellyn, Tara Lynne O’Neill, Kathy Kiera Clarke, Siobhan McSweeney, Tommy Tiernan, Ian McElhinney u.a. Idee & Drehbuch: Lisa McGee. Regie: Michael Lennox.

Credits
Bilder (c) Netflix/Channel 4.


She-Ra und die Rebellenprinzessinnen (Kurzkritik)

27. Dezember 2018

Eine neue Serie über die schillernde Heldin She-Ra?! Das kann doch eigentlich nichts werden, oder? Und dennoch gelingt der jungen Comic-Künstlerin Noelle Stevenson (26) mit She-Ra und die Rebellenprinzessinnen eine zeitgemäße Adaption des 1980er Cartoons.

The soldier who became a princess

Der finstere Lord Hordak versucht mit seiner mächtigen Armee, der sogenannten Horde, den Planeten Etheria komplett zu erobern. Königin Angella von Bright Moon und andere leisten Widerstand gegen die Horde. Doch die einzelnen Reiche sind untereinander zerstritten. Adora, eine in Hordaks Armee ausgebildetete, junge Frau, entdeckt eines Tages ein geheimnisvolles Schwert irgendwo im Wald. Als Adora das Schwert berührt und überraschenderweise die richtigen Worte spricht, verwandelt sie sich in die mächtige Kriegerin She-Ra. Angellas Tochter Glimmer und Bogenschütze Bow, die zufällig zugegeben sind, nehmen Adora als Gefangene mit nach Bright Moon. Unterwegs begreift die junge Frau, dass die Horde für Frieden und Freiheit Etherias eine ernste Bedrohung darstellt. Daher entschließt sich Adora als She-Ra gegen ihre frühere „Familie“ wie die ehemals beste Freundin Catra zu kämpfen. Doch um dringende Verstärkung zu erhalten müssen Adora, Glimmer und Bow auch die anderen Prinzessinnen des Planeten überzeugen, sich der Rebellion gegen die Horde anzuschließen…

Worin liegt der elementarste Unterschied zwischen She-Ra: Prinzessin der Macht (1985/86) und der neuen Serie She-Ra und die Rebellenprinzessinnen? Letztere dient nicht als Marketingtool zum Verkauf von Actionfiguren. Somit gelingt der jungen Showrunnerin Noelle Stevenson (bekannt für die preisgekrönten Comicreihen Nimona und Lumberjanes) und ihrem Team bei Dreamworks Animation ein zeitgemäßes Update der bekannten, an der Schnittstelle von Fantasy und Science-Fiction angesiedelten Welt. Natürlich sind die fast ausschießlich handgezeichneten Bilder (lediglich bei „komplizierten Maschinerien“ verwendete man CGI) grellbunt bis kitschig und der Titelsong von Aaliyah Rose grauslig schlecht, aber der liebevolle Stil zwischen Filmen von Hayao Miyazaki (Prinzessin Glimmer sieht aus als wäre sie das Kind des Schweizer Bergmädchens Heidi und eines Glücksbärchis) und den Werken des französischen Comicgurus Jean Giraud alias Moebius überzeugt. In Sachen Diversität, Feminismus (die kreative Crew sowie das Figurenensemble und somit der Voicecast bestehen fast ausschließlich aus Frauen) und neutralem Erscheinungsbild der Charaktere erscheint „Princesses of Power“ vielen anderen Trickserien um Einiges voraus. Die weitgehend nach Schema F abgefrühstückten Episodenstories, in deren Zentrum meist die Rekrutierung einer weiteren Prinzessin für die Rebellion steht, lassen sich als größte Schwäche der Serie ausmachen, aber im Gegensatz zur Vorgängershow gibt es hier eine Entwicklung bei der Titelheldin. Als junge Frau, die soeben ihre Vergangenheit hinter sich gelassen hat, kämpft Adora erst einmal mit den Hindernissen und der Macht, welche ihr Alter Ego mit sich bringen. „She-Ra 2018“ punktet nicht nur mit der Vermittlung von Werten wie Freundschaft und Toleranz an die jungen Zuschauer, sondern suhlt sich auch in Selbstironie mit einem Hauch Überzeichnung. Mich jedenfalls hat die Neuauflage gut unterhalten. Und Muskelmann He-Man wird hier keineswegs vermisst.

Die erste Staffel (13 Folgen) von She-Ra und die Rebellenprinzessinnen ist seit dem 16. November 2018 komplett bei Netflix abrufbar.

She-Ra und die Rebellenprinzessinnen
(She-Ra and the Princesses of Power)
Zeichentrick/Fantasy-Serie USA 2018. 13 Folgen (Staffel 1). Gesamtlänge: 312 Minuten. Nach der Originalserie von Larry DiTillo und J. Michael Straczynski. Adaption: Noelle Stevenson.

Credits:
Bilder (c) Netlix/Dreamworks.


Schwermetall Chronicles: Der Herr des Schicksals (Kurzkritik)

14. November 2018

Ein Söldner reist ans Ende der Galaxis, um von einer exotischen Alienrasse seine Zukunft zu erfahren. Das Finale der ersten Staffel, nach einer Vorlage von Altmeister Alejandro Jodorowsky.

Nachdem Söldner Hondo (Joe Flanigan) entscheidend am Gewinn eines intergalaktischen Krieges beteiligt war, macht er sich auf den weiten Weg an den Rande der Galaxis, um auf dem Planeten Gatha von den prophetisch begabten schildkrötenähnlichen Bewohnern zu erfahren, wie lange er noch zu leben hat. Sein Schicksal ist eng mit dem der gejagten Schmugglerin Skarr (Kelly Brook) verbunden. Doch anders als er vermuten würde…

Im Finale der ersten Staffel (bzw. Folge 5 in der Originalfassung) adaptieren Regisseur Lubrano und seine Co-Autorin Justine Veillot eine Vorlage von Alejandro Jodorowsky, sicherlich überwiegend für eine berüchtigten Filme wie El Topo oder Montana Sacra – Der heilige Berg aber auch als Regisseur einer nie realisierten, gigantomanisch geplanten Verfilmung von Frank Herberts Scifi-Epos Dune – Der Wsütenplanet bekannt. Weil die Szenerie aufwändiger wirkt als zuvor und wegen der teilweise zynischen Schlusspointe gehört Der Herr des Schicksals zu den besseren Beiträgen der Anthologie-Reihe. Und dennoch wirkt vieles hier leider wieder recht plump inszeniert, etwa die Einführung von „Covergirl“ Kelly Brooks Figur. Was man mit etwas mehr Budget und dem Willen die Story inhaltlich zu verdichten oder zu erweitern aus dem Stoff hätte machen können! So hinterlässt Staffel 1 von Schwermetall Chronicles auch einen zwiespältigen Gesamteindruck und ich bin daher unschlüssig, ob die sechs weiteren Folgen (Season 2) überhaupt eine Sichtung verdient haben.

Schwermetall Chronicles: Der Herr des Schicksals
(Métal Hurlant Chronicles: Master of Destiny/Les Maîtres du Destin)
Frankreich, Belgien 2012. FSK 16. 23 Minuten. Mit: Joe Flanigan, Kelly Brook u.a. Regie: Guillaume Lubrano. Drehbuch: Guillaume Lubrano und Justine Veillot. Nach der Comic-Story von Alejandro Jodorowsky und Adi Granov.

Übersicht Staffel 1

Die Krone des Königs 4/10
Beschütze mich 6/10
Rotes Licht/Das kalte Herz 5/10
Und raus bist du 6/10
Der Schwur der Anya 3/10
Der Herr des Schicksals 6/10

Gesamtwertung: 5/10

Bilder (c) Universal Pictures


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