Mel Brooks – Make A Noise

26. Juni 2021

Aus unerfindlichen Gründen habe ich in letzter Zeit einige Dokus angesehen. Zuletzt entdeckte ich mit Make A Noise einen tollen Beitrag über den amerikanischen Filmparodisten und Komiker Mel Brooks, der am 28. Juni 2021 (übermorgen) seinen 95. (!) Geburtstag feiert.

Ein Kultkomiker blickt zurück

Vielleicht ist es die einfache Verfügbarkeit, aber Dokumentationen bildeten in den letzten Wochen den Schwerpunkt meines Filmkonsums. Nach einem Beitrag über Fall und Aufstieg von Marvel Comics, einer brandneuen Featurette zum Scifi-Kultfilm Blade Runner und der Fußball-Doku Schwarze Adler folgt nun ein Beitrag über einen meiner Lieblingsregisseure, nämlich Mel Brooks. Make A Noise, der in den USA schon 2013 veröffentlicht wurde, liefert in 52 Minuten einen kurzen Abriss von Leben und Werk des bald 95jährigen Filmemachers und Kultparodisten.

Mel Brooks (bürgerlich Melvin Kaminsky), geboren am 28. Juni 1926 als Sohn einer russisch-jüdischen Mutter und eines aus Danzig stammenden jüdischen Vaters in Brooklyn, New York, geboren, wuchs mit drei älteren Brüdern auf. Sein Vater starb als Mel erst zwei Jahre alt war, die Mutter musste alleine die Kinder versorgen und Geld verdienen. Nach seinem Wehrdienst im Zweiten Weltkrieg wurde Brooks als Gagschreiber und Darsteller für diverse Sketchshows an der Seite von Sid Caesar (1922-2014) engagiert. Mit Buck Henry schuf er die Agenten-Comedyserie Mini-Max (Get Smart, 1965-1970). Der Erfolg ermöglichte Brooks die Inszenierung seines Regiedebüts, der Broadway-Satire Frühling für Hitler (1968), für welche er einen Drehbuch-Oscar gewann. In der Folge machte sich Brooks einen Namen als großartiger Parodist unterschiedlichster Genres wie Western (Blazing Saddles: Der Wilde, wilde Westen), Horror (Frankenstein Junior, Dracula – Tot, aber glücklich), Historienfilm (Die verrückte Geschichte der Welt), Space Opera (Spaceballs), Stummfilm (Silent Movie – Mel Brooks‘ letzte Verrücktheit) und Mantel-und-Degen-Abenteuer (Robi Robi Robin Hood, Robin Hood: Helden in Strumpfhosen). Außerdem produzierte er weitere Werke wie David Lynchs Der Elefantenmensch (1980) und David Cronenbergs Neuverfilmung von Die Fliege aus dem Jahr 1986. Nicht selten spielte er auch eine der Hauptrollen in seinen Filmen.

Die vorliegende Featurette von Robert Trachtenberg wurde für die seit 1985 laufende Doku-Fernsehreihe American Masters gedreht und debütierte bereits im Mai 2013 (als dritte Folge der 27. Staffel) im US-Fernsehen. Erst acht Jahre später sollte es zur deutschen TV-Premiere am 16. Juni 2021 im NDR-Fernsehen kommen. Herzstück des Films sind die Interviewpassagen mit Meister Mel himself. Sie bilden die Basis für eingestreutes Archivmaterial sowie Film- und Fernsehausschnitte. Aber Make A Noise verkommt allerdings zu keiner Zeit zum reinen Monolog. Denn auch Brooks‘ diverse Weggefährten rekapitulieren Anekdoten und Erlebnisse von ihrer Arbeit mit dem sympathisch-witzigen Energiebündel, etwa Regisseur/Autor Carl Reiner (1922-2020), dessen Sohn Carl Reiner, Filmemacher Barry Levinson, Theater-Regisseurin Susan Stroman sowie Schauspieler wie Nathan Lane und Cloris Leachman (1926-2021).

Regisseur Trachtenberg, der auch das Skript schrieb und am Schnitt beteiligt war, schlägt in den 52 Minuten einen Bogen von Brooks‘ Anfängen bis zu seinem Revival durch den Erfolg der Bühnenmusicalfassung der Nazi-Satire Frühling für Hitler am Broadway um 2001, welche mit dem von Susan Stroman inszenierten The Producers (2005) wiederum den Weg zurück auf die große Leinwand fand. Mit viel Humor und Altersweisheit blickt der betagte, aber rüstige Mel auf Höhepunkt und Schicksalsschläge, wie den Tod seiner Ehefrau, der Schauspielerin Anne Bancroft 2005, zurück. Natürlich muss man diesem großen Komikkünstler eigentlich eine abendfüllende Doku widmen. Und für die deutsche Fassung hätte ich mir an manchen Stellen wesentlich besser Voice-Over-Sprecher gegönnt. Dennoch insgesamt ein kurzweilig-spaßiger und erkenntnisreicher Beitrag. Inklusive einer Midcredit-Szene mit Ernährungstipps.

Danke, Mel Brooks! Möge dir der Saft niemals ausgehen! 😉

Die deutsche Fassung von Mel Brooks: Make A Noise ist noch bis 16. Juli 2021 in der ARD-Mediathek abrufbar.

Mel Brooks: Make A Noise
TV-Dokumentation USA 2013. 52 Minuten.
Buch und Regie: Robert Trachtenberg.

Credits
Bilder (c ) PBS/NDR.


Das Phänomen Blade Runner

19. Juni 2021

Nach den experimentellen Kurzfilm-Tipps gestern folgt heute mein Review zu einer aktuellen Doku-Featurette, die nur noch wenige Tage in der Arte-Mediatek verfügbar ist: Das Phänomen Blade Runner, über den visionären Science-Fiction-Noir-Film von Ridley Scott.


2019 – Zwischen Vision und Realität

Basierend auf dem Roman Träumen Androiden von elektrischen Schafen (1968) von Philip K. Dick (1928-1982) drehte der britische Regisseur Ridley Scott (Alien) den aufwändigen und in vielerlei Hinsicht visionären Science-Fiction-Film Blade Runner. Nach der Premiere 1982 konnte der Film weder Kritiker überzeugen noch ein großes Publikum für sich gewinnen. Erst mit den Jahren erwarb sich der Scifi-Noir-Streifen seinen hochverdienten Kultstatus. 2017 erschien die von Denis Villeneuve inszenierte Fortsetzung Blade Runner 2049. Dr. Boris Hars-Tschachotin, unter anderem Filmemacher, Installationskünstler, Autor, Produzent, Kurator, promovierter Kunsthistoriker und Gastprofessor an der Filmuniversität Babelsberg, widmet sich in einer für ZDF und Arte produzierten Dokumentation den Produktionshintergründen und Motiven von Blade Runner.

Schauplatz des Films von Scott ist Los Angeles im Jahre 2019, ein düsteres, verschmutztes, verregnetes und von einer großen Kluft zwischen sozialem Brennpunkt und superreichen Großkonzernen geprägtes Moloch. Auch wenn das heutige LA verständlicherweise nicht genau wie vor 39 Jahren prognostiziert aussieht, so erwies sich die Vision einer Metropole voller Gegensätze aus heutiger Sicht als erschreckend realistisch. Auch in der heutigen, realen Stadt der Engel gibt es ein krasses Gefälle zwischen Arm und Reich. Manche können sich trotz mehrerer Jobs keine Wohnung leisten und hausen in Zelten. Auch das Szenario mit dem vertikalen Nebeneinander (ode Übereinander) der hart arbeitenden Klasse und den reichen Mega-Konzernen erwies sich als treffend. Auch wenn es Stand heute noch keine fliegenden Autos gibt, so ist man gemäß der Aussage eines der Beteiligten nur noch etwa fünf Jahre davon entfernt.

Hars-Tschachotin lässt nicht nur Regisseur Ridley Scott und Hauptdarsteller Harrison Ford zu Wort kommen, sondern auch Kristina Jaspers (Kuratorin der Deutschen Kinemathek), Produktionsleiterin Katherine Haber, Gaff-Darsteller Edward James Olmos, Joanna „Zhora“ Cassidy sowie Visual Effects Supervisor Douglas Trumbull und Designer Syd Mead (1933-2019). Vor allem letztere waren für den besonderen Look zwischen Film-Noir und postapokalyptisch-futuristischen Cyberpunk-Look maßgebend verantwortlich. Es werden unterschiedliche Aspekte der Produktion gleichermaßen angesprochen wie Thematiken, Figuren und die Einflüsse wie Fritz Langs filmischer Meilenstein Metropolis (1927) oder den Film Noir aus den 1940er und 1950ern. Rutger Hauer, Darsteller des um sein Leben kämpfenden Replikanten Roy Batty, wurde leider nicht interviewt, was daran liegen könnte dass er bei Beginn der Dreharbeiten im September 2019 schon verstorben war. Um das Science-Fiction-Meisterwerk komplett erfassen zu können ist freilich eine ungleich längere Doku (wie der dreieinhalb Stunden lange Beitrag Dangerous Days: Making Blade Runner von Charles des Lauzirka von 2007) notwendig, doch die vorliegende Featurette macht das Beste aus ihren zeitlichen Möglichkeiten.

Das Phänomen Blade Runner ist nur noch bis 26. Juni 2021 kostenlos in der Arte-Mediatek abrufbar.

Das Phänomen Blade Runner
TV-Dokumentation Deutschland 2021. 53 Minuten.
Buch und Regie: Boris Hars-Tschachotin.


Credits
Bilder (c) Medea Film/ZDF/Arte.

 

 

 


Firmen am Abgrund: Marvel – Imperium der Superhelden

5. Juni 2021

Heute gibt es zur Abwechslung mal einen Doku-Tipp. Der Beitrag Marvel – Imperium der Superhelden aus der Reihe Firmen am Abgrund befasst sich mit dem Niedergang und der Wiederauferstehung des großen US-Comickonzerns.


Vom kriselnden Unternehmen zum Mediengiganten

Die für den Nachrichtenkanal Channel NewsAsia produzierte singapurisch-britische Doku-Reihe Firmen am Abgrund (Originaltitel: Inside the Storm) befasst sich mit Aufstieg und Fall diverser großer Weltunternehmen aus den Branchen Technologie, Investment, Tourismus und Unterhaltung. Zwischen 2016 und 2018 erschienen in Singapur vier Staffeln mit insgesamt 17 Episoden. Einige der Folgen wurden auf deutsch synchronisiert und ab 2017 bei ZDF Info gesendet. So auch die vorliegende erste Folge der dritten Staffel, welche nach ihrer deutschen Erstausstrahlung am 10. November 2019 aktuell wieder in der Mediathek verfügbar ist. Meine bisherige Kenntnis der Geschichte von Marvel Comics ging bisher so ziemlich gegen Null. Und so war es durchaus interessant etwas über das Auf und Ab des Comicgiganten zu erfahren.

Neben einem kurzen Abriss über die frühe Histories Marvels widmet sich Produzentin und Regisseurin Indra Nienhaus vor allem dem Niedergang des Comicunternehmens in den 1990ern. Der schwerreiche Investor Ronald Perelman hatte den Verlag 1989 gekauft und für eine Erhöhung der Produktion gesorgt, die zu Lasten der Qualität der Comics ging. Damit vergraulte Perelman nicht nur einige Kreative, sondern auch viele Leser. Durch eine erfolgreiche Unternehmenssanierung unter Peter Cuneo ab Ende der 1990er gelang jedoch der Wendepunkt, welcher schließlich mit der Gründung der eigenen Filmproduktionsfirma Marvel Studios und dem durchgehenden Erfolg des Marvel Cinematic Universe (23 Blockbuster zwischen 2008 und 2019, mit weiteren bereits in den Startlöchern) gipfelte. Mittlerweile gehört Marvel bekanntlich Disney. Für eine umfassende Doku über den Comicgiganten mag das hier natürlich zu wenig sein, aber als Einblick in dessen schwierige Jahre funktioniert die Featurette. Allerdings stelle ich mir nach der Sichtung die Frage, ob Marvel mit seiner schier endlosen Veröffentlichung neuer Filme und Serien (letztere mittlerweile nur noch über Disney+) nicht irgendwann bei Fans und Zuschauern für Übersättigung sorgen wird.

Firmen am Abgrund: Marvel – Imperium der Superhelden ist noch bis 31.05.2022 kostenlos in der Mediathek von ZDF Info abrufbar.

Firmen am Abgrund: Marvel – Imperium der Superhelden
(Inside the Storm: Marvel)
TV-Dokumentation Singapur, UK 2017. 43 Minuten. Regie: Indra Nienhaus.


Credits
Bild (c) Channel NewsAsia / ZDF Info.

 

 


C.S. Lewis & der Traum von Narnia

11. Mai 2021

Im Bonusmaterial zur „Royal Edition“ von Die Chroniken von Narnia – Der König von Narnia stieß ich auf die Doku C.S. Lewis & der Traum von Narnia, welche sich mit dem Leben des Autors und seiner Inspiration für die Welt von Narnia befasst.

Von der Kraft der Fantasie

Clive Staples „C.S.“ Lewis (198-1963) ist allgemein vor allem für seine mit phantastischen Elementen und christlichen Motiven angefüllte Kinderbuchreihe Die Chroniken von Narnia, deren sieben Bände in den Jahren 1950 bis 1956 erschienen. Der in Belfast geborene Lewis konnte aber auch eine beeindruckende Karriere als Literaturwissenschaftler und Theologie an den renommierten Universitäten in Oxford und Cambridge vorweisen. Regisseur M. David Melvin, der unter anderem auch als Kameramann und Produzent an Featurettes zu den Filmen Pitch Black (2000) und Star Trek (2009) gearbeitet hat, fasst in seiner Dokumentation nicht nur das Leben von Lewis zusammen, sondern erarbeitet dabei auch die Hintergründe und Themen der „Narnia“-Bücher. Als Bindeglied der einzelnen Bestandteile fungiert quasi Lewis selbst, der als Erzähler durch den Film führt, indem er in einem Brief an junge Fans von seinem Leben und seinen Erfahrungen berichtet. Zu Wort kommen außerdem Literaturwissenschaftler, Historiker, Theologen sowie ein Taxifahrer aus Oxford, der seinen Fahrgästen „Lewis-Touren“ durch die Universitätsstadt anbietet. Als prominente Mitwirkende sind außerdem Science-Fiction-Autor Ray Bradbury, Schauspieler Ben Kingsley und Lewis‘ Stiefsohn Douglas Gresham, einer der Produzenten der drei Kino-Adaptionen Der König von Narnia (2005), Prinz Kaspian von Narnia (2008) und Die Reise auf der Morgenröte (2010), vertreten. Melvin versteht es gekonnt, die einzelnen Teile – nämlich den Off-Kommentar, die Interview-Schnipsel, die animierten Narnia-Illustrationen von Pauline Baynes, Archivbilder und aktuelle Filmaufnahmen – zu einem gelungenen Ganzen zu kombinieren. Die Aufmachung bleibt dabei im Gegensatz zu vielen gängigen amerikanischen Dokumentationen die komplette Laufzeit über völlig unreißerisch, wenngleich es hier und da ein wenig rührselig zugeht.

C.S. Lewis & der Traum von Narnia ist als Bonusmaterial in der „Royal Edition“-DVD-Box von Die Chroniken von Narnia – Der König von Narnia enthalten.

C.S. Lewis & der Traum von Narnia (C.S. Lewis: Dreamer of Narnia)
Dokumentation USA 2006. 77 Minuten. Buch und Regie: M. David Melvin.

Credits
Bilder (c) Disney.

 


Doku-Tipps: Wikipedia / Bolero

20. Januar 2021

Aus aktuellem Anlass gibt es heute von meiner Seite zwei empfehlenswerte Doku-Tipps, die kostenfrei in der Arte-Mediathek verfügbar sind.


Das Wikipedia-Versprechen

Am 15. Januar 2021 feierte Wikipedia 20. Geburtstag. Jascha Hannover und Lorenza Castelle haben das Jubiläum zum Anlass genommen, um in ihrer Doku Das Wikipedia-Versprechen: 20 Jahre Wissen für Alle? nicht nur die Geschichte der von Jimmy Wales gegründeten Internet-Enzyklopädie kurz zu beleuchten sondern auch ihre Stärken und Schwächen zu thematisieren. Das hehre Ziel der Gründer: Wissen für alle frei verfügbar zu machen. Jeder kann an zu dieser mittlerweile gigantischen Datenbank etwas beisteuern. Das bringt natürlich auch Probleme mit sich. Trotz der Überprüfung der Inhalte durch Admins schaffen es immer wieder falsche Informationen auf Wikipedia. Außerdem bilden Relevanz und die Belegbarkeit von Inhalten komplexe Streitpunkte. Eigentlich ein Thema für einen abendfüllenden Dokumentarfilm.

Das Wikipedia-Versprechen ist noch bis 4. April 2021 in der Arte-Mediathek und bis 11. Januar 2022 in der ARD-Mediathek abrufbar.

Das Wikipedia-Versprechen: 20 Jahre Wissen für Alle?
Deutschland 2021. 52 Minuten. Regie: Jascha Hannover und Lorenza Castella.

Bolero – Ein Refrain für die Welt

Anne-Solen Dougouet und Damien Cabrespinas widmen sich in ihrem bereits Ende 2019 veröffentlichten Film Bolero – Ein Refrain für die Welt dem vom französischen Komponisten Maurice Ravel (1875-1937) geschaffenen Werk. Zwar wird auch auf die Entstehung des bekannten Orchesterstückes eingegangen, der Schwerpunkt liegt aber eindeutig auf den massiven Nachhall von Ravels bekanntem Opus. Zur Wort kommen nicht nur Musiker wie Angelique Kidjo, Rufus Wainwright und Lalo Schifrin, sondern auch Dirigenten, Choreographen, Tänzer und Filmemacher, die alle durch den Bolero beeinflusst wurden und ihre eigenen Inszenierungen bzw. Interpretationen schufen. Anhand dieser höchst unterschiedlichen Personen und diversen Performances werden die Charakteristika des Stückes behandelt und erforscht. Abzüge in der B-Note bekommt die Doku von mir allerdings schon. Es wird nämlich mit keiner Silbe auf den genialen „Fauxlero“ aus der siebten Folge der ersten Staffel von Legion eingegangen.

Bolero – Ein Refrain für die Welt ist noch bis 17.03.2021 in der Arte-Mediathek abrufbar.

Bolero – Ein Refrain für die Welt (Boléro, le refrain du monde)
Frankreich 2019. 52 Minuten. Regie: Anne-Solen Dougouet und Damien Cabrespinas.

Credits
Das Wikipedia Versprechen (c) WDR/Arte.
Bolero – Ein Refrain für die Welt (c) Arte.

 

 

 


Comrades & Cash

5. Dezember 2020

Nach Deutschland 86 habe ich mir gleich noch die Doku Comrades & Cash: Geheime Geschäfte unter dem Eisernen Vorhang als Hintergrundmaterial zu den schmutzigen Deals der DDR zur Devisenbeschaffung angesehen.


Devisen um jeden Preis

Als von der Welt abgeschottetes Wirtschaftssystem litt die Deutsche Demokratische Republik unter einem chronischen Mangel an ausländischen Devisen, die in den 1980ern fast zur Zahlungsunfähigkeit des sozialistischen Ostdeutschlands führte. Comrades & Cash – Geheime Geschäfte unter dem Eisernen Vorhang von Alexander Lahl und Max Mönch befasst sich mit den dubiosen Maßnahmen der DDR-Führung, um diesem Problem Abhilfe zu schaffen. Als Erzähler fungiert Jonas Nay, Hauptdarsteller der dreiteiligen Ost-West-Spionageserie Deutschland 83 (2015), Deutschland 86 (2018) und Deutschland 89 (2020).

Prägende Figur der Devisenbeschaffung war Alexander Schalck-Golodkowski (1932-2015), der den 1966 gegründeten Bereich Kommerzielle Koordinierung (KoKo) als Teil des Ministeriums für Außenhandel leitete. Mit dem Gebahren eines Mafia-Bosses und gleichzeitig als scheinbar unsichtbarer Mann im Hintergrund war Schalck-Golodkowski hauptverantwortlich dafür, dass die KoKo im Laufe der Zeit 25 Milliarden DM erwirtschaftete und somit die verschuldete DDR finanziell am Leben erhalten konnte. Dies gelang allerdings nur dadurch, dass mein einerseits entgegen aller sozialistischer Ideal in höchstem Maße kapitalistisch handelte und andererseits vor verbrecherischen Machenschaften nicht zurückschreckte.

Eines der Kernschäfte der KoKo war die Verstrickung in den internationalen Waffenhandel. Da wurden nicht nur Kriegsgüter an sozialistische Bruderstaaten verkauft, sondern auch Deals mit kapitalistischen Staaten, die eigentlich Feinde waren, durchgeführt und dabei nicht selten gegen internationale Handelsembargos verstoßen. Comrades & Cash lässt hier zwei ehemalige Insider zu Wort kommen: einen französischen Mittelsmann für Waffendeals und den pensionierten Mitarbeiter eines schwedischen Rüstungskonzerns. Schalck-Golodkowski & Co füllten die Devisenkassen aber auch mit weiteren „Unternehmungen“. Durch betrügerisch-fingierte Steuernachzahlungsbescheide wurden viele DDR-Bürger um ihre wertvollen Kunstwerke und Wertgegenstände gebracht, die man dann für teures Geld ins Ausland verkaufte. Dazu wurden die Bewohner Ostdeutschland zum Blutspenden für die gute Sache aufgerufen, um die Blutkonserven in den Westen zu veräußern. Auch vor noch brutaleren Methoden gegen die eigene Bevölkerung wurde nicht zurückgeschreckt.

Lahl und Mönch kombinieren die erklärenden Texte des Off-Erzählers und Interview-Beiträge mit Impressionen internationaler Schauplätze. Statt der meist üblichen nachgestellten Spielzenen rekonstruieren sie die Vorgänge anhand von Animationssequenzen. Zwar wirkt die 80minütige Doku keineswegs so chaotisch wie etwa Electric Boogaloo, aber insgesamt hätte ihr etwas mehr Struktur gutgetan. Für mich war das Ganze immerhin sehr erhellend weil ich wie sicherlich viele Menschen bisher von den dubiosen Geschäftsbeziehungen der DDR im Grunde nichts wusste.

Comrades & Cash: Geheime Geschäfte unter dem Eisernen Vorgang ist als Bonusmaterial von Deutschland 86 bei Amazon Prime und als Teil der DVD-Box verfügbar.


Comrades & Cash: Geheime Geschäfte unter dem Eisernen Vorhang
Dokumentation Deutschland 2018. 80 Minuten. Erzähler: Jonas Nay. Buch und Regie: Alexander Lahl und Max Mönch.

Credits
Bild (c) MobyDok/UFA Fiction/Amazon.

 

 


Electric Boogaloo

26. September 2020

In den 1980ern waren Menahem Golan und Yoram Globus die Könige der B-Movies. Mit ihrer Firma Cannon Films produzierten die israelischen Cousins unzählige reißerische Action-Streifen und andere Genrefilme, nicht selten von zweifelhafter Qualität. Mark Hartley erzählt in seiner Doku Electric Boogaloo vom Aufstieg und Fall Cannons.



Reißerische Pseudo-Doku-Revue

Nach dem Erfolg der Teenagerkomödie Eis am Stiel (1978), die sechs Fortsetzungen nach sich zog und dank ständiger Wiederholungen im Fernsehen hierzulande sehr beliebt ist, wagten die israelischen Produzenten-Cousins Menahem Golan und Yoram Globus den Sprung nach Hollywood. 1979 kauften sie das Low-Budget-Filmstudio Cannon Films und wollten daraus einen weiteren „major player“ der amerikanischen Traumfabrik machen. Während Golam eher der Überproduzent war, agierte sein jüngerer Cousin Globus als findiger Geschäftsmann. Es wurden häufig recht schwache Skripts mit reißerischen Imhalten aufgekauft und dann mit wenig Geld (maximal 5 Millionen Dollar Budget, meist weniger) als Filme umgesetzt. Dank einer erfolgreichen Marketing-Kampanie, die nicht selten aus lediglich einem Aufmerksamkeit erheischenden Poster bestand, gelang es Cannon schon vor der Produktion die Rechte an den unterschiedlichen Filmen an internationale Verleihfirmen zu verkaufen.

Zwischen 1979 und 1989 ergab das einen Output von 125 Produktionen, die zum großen Teil auch direkt auf Video veröffentlicht wurden, darunter diverse Streifen mit prominenter Besetzung, wie die Death Wish-Reihe mit Charles Bronson, Missing in Action oder Delta Force mit Actionfilm-Ikone Chuck Norris, die Quartermain-Reihe mit Richard Chamberlain als Gegenstück zu Indiana Jones und die American Fighter-Reihe mit Michael Dudikoff. Daneben gab es aber auch Erotikstreifen mit viel Nacktheit, darunter Lady Chatterleys Liebhaber (1981, mit Sylvia Kristel), Die verruchte Lady (1983) mit Faye Dunaway oder mehrere Filme mit Sexsymbol Bo Derek. Dennoch gelang es Cannon vereinzelt hochwertige Stoffe zu erschaffen, vor allem den niederländischen Beitrag Der Anschlag (1986), welcher den Oscar als bester fremdsprachiger Film gewann, oder Franco Zeffirellis Adaption der Verdi-Oper Otello.

Diese unglaubliche Geschichte eines ehemals schillernden B-Movie-Studios birgt eigentlich mehr als genug Potenzial für einen reichhaltigen Doku-Film, da man sich dem Thema grundsätzlich auf mehrere Arten annähern könnte. Statt einer eher analystischen Herangehensweise hat der australische Filmemacher Mark Hartley, der mit Not Quite Hollywood: The Wild, Untold Story of Ozploitation (2008) und Machete Maidens Unleashed (2010) bereits zwei Dokus zum Thema Exploitation-Kino gedreht hatte, leider die Boulevard-Version gewählt. Mit einer teils atemberaubenden Geschwindkeit schneiden Hartley und sein Team Archivmaterial, Filmszenen, Trailer und aktuelle Interviewschnipsel diverser Beteiligten zusammen. Das ist teilweise witzig, erhellend und nicht unspannend, aber eine halbwegs ernsthafte Auseinandersetzung kommt dadurch nicht zustande. Zu Wort kommen unter anderem Regisseure wie Boaz Davidson, der nicht nur alle Eis am Stiel-Teile inszenierte, sondern mit Die letzte amerikanische Jungfrau (1982) ein US-Remake des ersten Teils, Luigi Cozzi und Tobe Hooper, aber auch Schauspieler wie Richard Chamberlain, Franco Nero, Cassandra „Elvira“ Peterson, Molly Ringwald, Marina Sirtis (die besonders „einschneidende Erfahrungen machte) und Dolph Lundgren. Das ergibt zwar eine illustre Runde mit absurden Anekdoten, aber irgendwie hätte ich mir eine systematischere Annäherung gewünscht.

Nach dem Cannon Ende der 1980er und im Laufe der 1990er immer mehr in finanzielle Schieflage geriet zerstritten sich Golam und Globus bis ihre Produktionsfirma 1994 schließlich aufhörte zu existieren. Die Cousins gingen getrennte Wege. Golam wechselte zur 21st Century Film Corporation nachdem Globus schon länger für MGM/UA begonnen hatte zu arbeiten. Menahem Golan starb am 8. August 2014 im Alter von 85 Jahren, sechs Tage nachdem Electric Boogaloo seine Uraufführung beim Filmfestival in Melbourne gefeiert hatte. Bereits im Mai 2014 gab es die Premiere einer konkurrierenden Doku über Cannon: Go-Go Boys: The Inside Story of Cannon Films. In der Nachbetrachtung habe ich in jungen Jahren einige Werke aus der Cannon-Filmographie gesehen, die im positiven und negativen Sinne einen Eindruck bei mir hinterlassen haben, seien es die beiden Hercules-Filme von Luigi Cozzi mit Lou Ferrigno (1983/1985), Camelot – Der Fluch des Goldenen Schwertes (1984), Superman IV: Die Welt am Abgrund (1987). Masters of the Universe (1987) und die nachgeschobene Agatha-Christie-Adaption Rendezvous mit einer Leiche (1988) mit Peter Ustinov in seinem letzten Auftritt als Hercule Poirot.

Electric Boogaloo: The Wild, Untold Story of Cannon Films ist seit April 2015 auf DVD und BluRay erhältlich.

Electric Boogaloo: The Wild, Untold Story of Cannon Films
Dokumentation Australien, USA 2014. FSK 16. 102 Minuten (PAL-DVD). Buch und Regie: Mark Hartley.

Credits
Bilder (c) Ascot Elite.

 

 


Chaos on the Bridge

17. Juli 2020

Während der Recherchen zu meiner Rezension der ersten Staffel von Star Trek: The Next Generation stieß ich zufällig auf die von William „Captain Kirk“ Shatner moderierte und inszenierte Doku Chaos on the Bridge, welche die schwierigen Anfänge der Serie anhand von Interviews erforscht.

The Untold Story behind Trek’s Next Generation

Auch wenn Raumschiff Enterprise: Das nächste Jahrhundert (1987-1994) auf lange Sicht ein großer Erfolg war und vier Kinofilme (Star Trek: Treffen der Generationen [1994], Star Trek: Der Erste Kontakt [1996], Star Trek: Der Aufstand [1998] und Star Trek: Nemesis [2002]) sowie aktuell die Spin-Off-Serie Star Trek Picard nach sich zog, so gestalteten sich die Anfänge dieser Maßstäbe setzenden Fernsehproduktion mehr als schwierig. William Shatner, der keiner weiteren Vorstellung bedarf, spricht in der vorliegenden Dokumentation mit beteiligten Personen von damals und zeichnet so das zeitweilige „Chaos auf Brücke“ nach.

Zum 20jährigen Jubiläum von Raumschiff Enterprise (Star Trek, 1966-1969) wurde eine zweite Live-Action-Serie mit neuen Figuren angekündigt. Serienschöpfer Gene Roddenberry (1921-1991) wurde nach dem ersten Kinofilm ziemlich ausgebootet und erhielt in der Folge auch kaum noch oder gar keine Tantiemen mehr. Dies sollte bei der zweiten ST-Show anders werden, denn „The Great Bird of the Galaxy“ (wie Roddenberry genannt wurde) wollte kreativ involviert sein und auch finanziell davon profitieren. Die Studiobosse handelten mit ihm einen lukrativen Deal aus. In Roddenberrys Vision einer utopischen Zukunft war kein Platz für Konflikte, vor allem nicht unter den Hauptfiguren von The Next Generation, wie die neue Serie schließlich genannt wurde. Das sorgte immer wieder für Streit mit den anderen Autoren und Produzenten sorgte.

Diese überaus holprigen Anfänge von TNG illustriert Shatner in Interviews mit unzähligen Gesprächspartnern, die alle in unterschiedlichster Form in die Produktion involviert waren. Sowohl Autoren wie D.C. Fontana, David Gerrold (beide auch an der Originalserie beteiligt) und Tracy Tormé kommen zu Wort als auch Maurice Hurley, der die letzten acht Folgen der ersten und die komplette zweite Staffel als Showrunner fungierte, und andere Produzenten wie Roddenberrys Nachfolger Rick Berman. Von den Schauspielern berichten Sir Patrick Stewart (Captain Picard), Jonathan Frakes (Commander Riker), Denise Crosby (Lieutenant Yar) und Gates McFadden (Dr. Crusher) von ihren Erlebnissen während den Vorbereitungen und Dreharbeiten zur ersten TNG-Season.

Chaos on the Bridge findet aus meiner Sicht eine gute Balance zwischen interessanten Einsichten zum Thema und schnell geschnittenen Interview-Schnipseln, bleibt dabei im Gegensatz zu anderen Dokumentationen, die auf ein US-Publikum zugeschnitten sind, vergleichsweise unhektisch. Sehr gefallen haben mir die im kontrastreichen Comicstil gehaltenen Animationen, welche in überspitzer Form Schlüsselmomente und Begebenheiten illustrieren. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass andere Gesprächspartner eine zumindest in Teilen andere Version der Geschichte erzählt hätten.

Die Dokumentation ist auf DVD und BluRay erhältlich sowie bei den Streaminganbietern Amazon, iTunes, Videoload und Maxdome abrufbar.

Chaos on the Bridge
Dokumentation Kanada, USA 2014. 59 Minuten. Mitwirkende: William Shatner, Dorothy „D.C.“ Fontana, David Gerrold, Maurice Hurley, Rick Berman, John Pike, Susan Sackett, Patrick Stewart, Ronald D. Moore, Denise Crosby, Jonathan Frakes, Gates McFadden u.v.a. Buch und Regie: William Shatner.

Credits
Bilder (c) New KSM.


Game of Thrones: The Last Watch (Kurzkritik)

29. Mai 2019

Nach acht Staffeln und 73 Folgen endete Game of Thrones vergangene Woche. Einen letzten Trip nach Westeros, besser gesagt hinter die Kulissen der fiktionalen Welt, bietet The Last Watch, eine Doku über die Dreharbeiten zur finalen Staffel von Jeanie Finlay.

And now their watch is ended

Die englische Dokumentarfilmerin Jeanie Finlay (geboren 1977) hat sich bei ihren bisherigen Werken ganz unterschiedlichen Themen zugewandt. Goth Cruise (2008) porträtierte die wachsende Gothic-Szene in England und den USA. Sound It Out Loud – The Very Last Record Store (2011) drehte sich um den letzten Plattenladen in Teeside, einem Ballungsraum im Nordosten Englands und Finlays Heimat. The Great Hip Hop Hoax (2013) behandelte das schottische Hip-Hop-Duo Silibil N’Brains, deren Mitglieder sich als Amerikaner ausgaben, um einen Plattenvertrag mit Sony zu erhalten. Beim Tribeca Film Festival debüttierte im April 2019 Seahorse, ein Film über einen Transgender-Mann, der Mutter wurde. Für The Last Watch hat Finlay mit ihrem Team die Produktion der letzten Staffel von Game of Thrones, der TV-Adaption von George R.R. Martins (leider immer noch unvollendeter) Romanreihe Das Lied von Eis und Feuer, begleitet. Doch im Gegensatz zu den auf Youtube veröffentlichen „The Game Revealed“-Featurettes, in denen vor allem die Schauspieler, Showrunner und Regisseure im Mittelpunkt stehen, stellt man hier die wenig bekannten Crewmitgliedern in den Vordergrund, wie z.B. „Head of Snow“ Del Reid, Location-Managerin Naomi Liston sowie das Ehepaar Sarah und Barrie Gower (Prosthetik Make Up). Über ein Jahr begleitete die Kamera die äußerst aufwändigen Vorbereitungen (so dauerte etwa der Bau eines King’s-Landing-Sets sieben Monate) und die von Oktober 2017 bis Juli 2018 andauernden Dreharbeiten. Der Schwerpunkt liegt hier auf den unterschiedlichen Studio-Kulissen und Greenscreen-Sets in und um Belfast, es gibt aber auch kleine Abstecher nach Dubrovnik (Kroatien) und Sevilla (Spanien). Nicht nur die elf Wochen Nachtdrehs für die Folge The Long Night waren eine enorme Herausforderung für Cast und Crew, die komplette Produktion entpuppte sich als gigantischer Kraftakt, vor allem in organisatorischer und logistischer Hinsicht wovon etwa Szenenbildnerin Deborah Riley und Executive Producer Bernadette Caulfield ein Lied singen können. Zu Wort kommt auch Vladimir „Furdo“ Furdik, zum einen Darsteller des überaus schweigsamen Night King, gleichzeitig aber auch Stuntman und Stunt Supervisor. Zum heimlichen Star der knapp zweistündigen Doku avanciert allerdings Andrew McClay. Obwohl nur einer von unzähligen Statisten war der „local hero“ in insgesamt zehn GoT-Folgen zu sehen, fast ausschließlich als Soldat der Starks. Er und viele andere müssen zum Schluss der Dreharbeiten Abschied nehmen. Abschied von einem großen Projekt, welches ihre letzten Lebensjahre massiv geprägt hat. Noch mehr als Game of Thrones seine Zuschauer.

Game of Thrones: The Last Watch ist seit 27. Mai 2019 bei Sky und Amazon im englischen Orginal mit zuschaltbaren deutschen Untertiteln abrufbar.

Game of Thrones: The Last Watch
TV-Dokumentation USA 2019. FSK 16. 113 Minuten. Regie: Jeanie Finlay.

 

Andrew McClay

 


Credits:
Bilder (c) HBO/Sky.


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