Mord im Orientexpress (2017) (Rewatch)

23. April 2021

Spontan entschloss ich mich diese Woche, der bei der Erstsichtung im Kino vor dreieinhalb Jahren als durchwachsen empfundenen Neuverfilmung von Mord im Orientexpress, basierend auf dem Roman von Agatha Christie, durch Kenneth Branagh (Regie und Hauptrolle) eine zweite Chance zu geben. Konnte mich der Film bei der Wiederholungssichtung mehr überzeugen?

Murder and Moustache

Spoiler: Konnte er nicht. Aber dazu später mehr.

1934. Nachdem Hercule Poirot (Kenneth Branagh) einen Diebstahl an der Klagemauer in Jerusalem aufklären konnte, wird er für einen neuen Auftrag nach London zurückbeordert. Zufällig trifft der belgische Detektiv auf seinen Landsmann Monsieur Bouc (Tom Bateman), dem Direktor des Orientexpresses, der ihm einen Platz in der ersten Klasse reservieren lässt. Die zweite Nacht endet für Poirot, Bouc sowie die illustren weiteren Passagiere des Zuges mit zwei dramatischen Vorfällen. Der Zug steckt irgendwo in Jugoslawien in einer Schneeverwehung fest. Außerdem findet man den Geschäftsmann Mr. Ratchett (Johnny Depp) tot in seinem Abteil vor, ermordet durch zwölf Messerstiche. Auf Bitten Boucs nimmt Poirot sogleich die Ermittlungen auf. Nach einer ersten Beweisaufnahme befragt der Meisterdetektiv die übrigen Zuggäste, darunter die geschwätzige Witwe Mrs. Hubbard (Michelle Pfeiffer), die russische Prinzessin Dragomiroff (Judi Dench), die Gouvernante Mary Debenham (Daisy Ridley) sowie Ratchetts Sekretär Mr. MacQueen (Josh Gad) und seinen Diener Masterson (Derek Jacobi). Alles deutet darauf hin, dass der Mord im Zusammenhang mit einem vor Jahren in den USA begangenen anderen Verbrechen in Zusammenhang steht…

Die Frage nach der Notwendigkeit einer Neuverfilmung des bekannten Romans der renommierten Krimiautorin Dame Agatha Christie (1890-1976) stellte sich auch nach der Sichtung von Branaghs Version des Zugreisen-Whodunits. Schließlich gibt es mit Sidney Lumets Kinoversion von 1974 (mit Albert Finney als Poirot und einer unerreichten Starbesetzung) und der entsprechenden Folge aus der TV-Serie Poirot (mit David Suchet als belgischem Detektiv) bereits zwei jede für sich hervorragende Umsetzungen. Zwar präsentiert die neueste Adaption den Stoff einer neuen Generation von Kinozuschauern, aber insgesamt erscheint mir die 2017er Version auch nach der zweiten Sichtung immer noch als mäßig. Die bereits beim ersten Mal aufgetretenen Probleme fielen mir umso stärker auf.

Regisseur und Hauptdarsteller Kenneth Branagh, den ich aufgrund seiner hochklassigen Shakespeare-Adaptionen (u.a. Viel Lärm um Nichts [1993] und die Volltext-Adaption von Hamlet [1996]) sehr schätze, schafft es in nicht einmal zehn Minuten den liebenswert-exzentrischen, belgischen Meisterdetektiv Hercule Poirot völlig der Lächerlichkeit preiszugeben, vor allem indem Branagh dessen Marotten dem Zuschauer mit dem Holzhammer einprügelt. Bei Albert Finney, Peter Ustinov (der Poirot je dreimal für Kino und Fernsehen verkörperte und ihm auf gelungene Art seinen eigenen Stempel aufdrückte) und David Suchet gestalteten sich die Performances überaus stimmig. Branaghs Poirot wirkt auf mich über weite Strecken aufgesetzt und teilweise beinahe unfreiwillig komisch. Gemeinsam mit seinem eindimensionalen Bösewicht aus Tenet (2020) die schlechteste Karrierevorstellung des so begnadeten Schauspielers. An dieser Stelle bitte ich darum, dem Film im Nachhinein noch die Goldene Himbeere für das schlechteste Leinwandpaar (Branagh und sein unfassbar peinlich-unecht aussehender Schnurrbart) zu verleihen!

Drehbuchautor Michael Green bringt es leider nicht wirklich auf die Reihe, die Story des Romans und deren innewohnende Dramaturgie organisch aufzuziehen. Stattdessen werden kurz vor Schluss noch ein paar Details aus dem Ärmel geschüttelt, was unglücklich konstruiert wirkt. An sich ist die Neuadaption solide inszeniert und wartet mit einem ähnlich hochkarätigen Ensemble wie der Vorgänger von 1974 auf. Nur werden die meisten dieser namhaften Akteure in kleinen Rollen verschenkt. Das bringt die Figurenkonstellation der Vorlage mit sich, aber in früheren Adaptionen wurde es einfach besser umgesetzt. Insgesamt erweist sich „Mord im Orientexpress 2017“ über weite Strecken als ziemlich plakativ, nicht nur in der Darstellung seines Protagonisten. Da passen die beiden völlig überzogenen Actionszenen und das völlig übertheatralische Finale leider sehr gut ins Bild.

Der ursprünglich für Oktober 2020 anvisierte Kinostart des nächsten Whodunit-Krimis mit Branagh als Poirot, Tod auf dem Nil, wurde mittlerweile auf Februar 2022 verschoben. Irgendwie will ich ja schon wissen, ob der Regisseur diesen Roman filmisch ebenso in den (ägyptischen) Sand setzt wie ihm die Mord-im-Zug-Geschichte entgleist ist.

Mord im Orientexpress von 2017 ist auf DVD und BluRay erhältlich sowie Teil des Angebots diverser Streaminganbieter.

Mord im Orientexpress (Murder on the Orient Express)
Krimi USA 2017. FSK 12. 114 Minuten. Mit: Kenneth Branagh, Tom Bateman, Penélope Cruz, Willem Dafoe, Judi Dench, Johnny Depp, Josh Gad, Derek Jacobi, Leslie Odom Jr., Michelle Pfeiffer, Daisy Ridley u.a. Regie: Kenneth Branagh. Drehbuch: Michael Green. Nach dem Roman von Agatha Christie.

 

Credits
Bilder (c) Fox.

 


Daybreakers (Kurzkritik)

12. Oktober 2015

Was wäre wenn die Welt fast nur noch von Vampiren bevölkert wäre und ihnen allmählich das Blut ausginge? Dieser Prämisse geht Daybreakers nach, der zweite Spielfilm der australischen Zwillingsbrüder Michael und Peter Spierig.

 

 

Daybreakers_DVDZehn Jahre nachdem eine infizierte Fledermaus eine Epidemie auslöste, die weite Teile der Menschheit in Vampire verwandelte, wird für die Blutsauger der rote Lebenssaft knapp. Die wenigen noch gebliebenen Menschen werden gejagt, da nur ihr Blut als Nahrung in Frage kommt. Hämatologe Edward Dalton (Ethan Hawke) sucht nach einem Ersatzstoff. Denn die Blutknappheit droht die Gesellschaft verrohen zu lassen. Vampire fallen sich gegenseitig an und mutieren dadurch zu fledermausartigen Ungeheuern. Dalton trifft auf Audrey (Claudia Karvan) und Elvis (Willem Dafoe), die eine Gruppe verbliebener Menschen anführen. Durch Elvis hat Dalton die Idee zu einer möglichen Heilung…

 

Wenn ein Film als Mischung aus Matrix und 28 Days Later bezeichnet wird, dann spricht es sicherlich für ihn, wenn das Hauptaugenmerk nicht auf Actionszenen liegt. Daybreakers hat durchaus andere Qualitäten. Es gelingt dem Autoren-/Regisseursduo (das zusätzlich noch an der Entstehung der Effekte beteiligt war), ein stimmungsvolles Endzeitszenario zu generieren, welches alles andere als blutleer ist. Nur leider macht die in Australien gedrehte Genre-Produktion zu wenig aus ihrer interessanten Prämisse. Es fehlt einfach Zeit, Charakteren und Story adäquaten Raum zu bieten. Daher kommt die Lösung des Problems zu schnell und das Schauspieler-Ensemble um Ethan Hawke (der selten in Genre-Filmen zu sehen ist), Willem Dafoe sowie Sam Neill (noch mit der spannendsten Rolle als Bösewicht) wirkt verschenkt. Dennoch ist Daybreakers im Vergleich zum (thematisch ähnlichen) Totalausfall Ultraviolet fast ein kleines Meisterwerk. Warten wir also ab, ob es in etwa vier Jahren wirklich eine Vampir-Epidemie auf der Erde gibt.

 

6-10Daybreakers
Horror-SF-Film Australien/USA 2009. FSK 16. 94 Minuten (PAL-DVD). Mit: Ethan Hawke, Willem Dafoe, Claudia Karvan, Sam Neill, Vince Colosimo, Michael Dorman, Isabel Lucas u.a. Drehbuch und Regie: Michael Spierig und Peter Spierig.

 

Bild (C) Sunfilm.


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