The Woman in the House Across the Street From the Girl in the Window

Im Vorfeld sorgte The Woman in the House Across the Street From the Girl in the Window, die Miniserie mit einem Titel, den man kaum aufsagen kann ohne einen Knoten in den Stimmbändern zu riskieren, für Verwirrung. Aus dem Trailer wurde man nicht schlau, ob es sich wirklich um eine Parodie überkonstruierter Psychothriller oder um einen ernstgemeinten Vertreter des Genres handelt. Nach der Sichtung weiß ich es immer noch nicht.

Die Serie von drei Autoren, die eine ganze coole Parodie machen wollten, aber irgendwie selbst nicht so ganz bei der Sache waren und möglicherweise die ein oder andere Flasche Rotwein zu viel geleert haben

Der Tod ihrer Tochter Elizabeth hat sie nicht nur in tiefe Trauer gestürzt, sondern auch die Ehe von Malerin Anna (Kristen Bell) und FBI-Psychologe Douglas Whitaker (Michael Ealy) zerstört. Während Douglas nur für seine Arbeit zu leben scheint hat sich die traumatisierte Anna völlig zurückgezogen. Sie verbringt ihre Tage mit etwas Lesen, aber vor allem dem Leeren unzähliger Rotwein-Flaschen und dem Blick aus dem Fenster. Ihre durch das Trauma ausgelösten Angststörungen erschweren die Situation. Da zieht im Haus gegenüber der gutaussehende Witwer Neil (Tom Riley) mit seiner neunjährigen Tochter Emma (Samara Yett) ein. Anna freundet sich ein wenig mit der kleinen Familie ein, muss aber bald zu ihrer Enttäuschung feststellen, dass Neil in Person der Stewardess Lisa (Shelley Hennig) eine junge, attraktive Freundin hat. Eines Nachts erwacht Anna und beobachtet von ihrem Fenster aus wie im Haus gegenüber Lisa ermordet wird. Doch die verständigte Polizei findet keinerlei Anzeichen für eine Gewalttat. Und der wütende Neil erklärt Anna, dass Lisa sich auf einem Flug nach Seattle befinde. Detective Lane (Christina Anthony) von der örtlichen Polizei folgert, dass sich Anna den Vorfall aufgrund ihrer gleichzeitigen Einnahme von Alkohol und Psychopharmaka nur eingebildet hat. Anna beginnt zuzweifeln. Hat sie Halluzinationen und wird langsam aber sicher verrückt? Gewisse Hinweise deuten allerdings darauf hin, dass an ihren Beobachtungen etwas dran sein muss. Und so beginnt Anna auf eigene Faust zu ermitteln…

Titel und Setting der vorliegenden Netflix-Serien erinnern freilich an Psychothriller mit Mysteryelementen der jüngeren Vergangenheit, vor allem The Girl on the Train (2016, nach dem Roman von Erin Cressida Wilson) und dem bei Netflix veröffentlichten The Woman in the Window (2021, nach A.J. Finn), die beide durchwachsene Kritiken erhielt und sich mit ihrer Ausgangssituation freilich auf den Hitchcock-Klassiker Das Fenster zum Hof (1954) beziehen. Die Trailer zu The Woman in the House Across the Street From the Girl in the Window (ab hier abgekürzt als TwitHAtSFtGitW) sorgten für Verwirrung, weil man aus diesen nicht herauslesen konnte, ob der Achtteiler nun eine echte Parodie des Genres oder doch eine halbwegs ernstgemeinter Vertreter darstellt. Nach der Sichtung der Serie ist man wiederum auch nicht schlauer. Denn das Autoren-Trio Rachel Ramras, Hugh Davidson und Larry Dorf (die bisher teils gemeinsam als Autoren und Sprecher an diversen Animationsserien gearbeitet haben) vermeidet es, sich wirklich festzulegen. Und so erweist sich TwitHAtSFtGitW tonal als mittlere Katastrophe.

Zugegebenermaßen habe ich die oben erwähnten „Vorbilder“ aus den letzten Jahren nicht gesehen, was daran liegen mag, dass mich albern-reißerische Thriller nicht interessieren. Einer gelungenen Parodie dieser überhypten Art von Film nicht abgeneigt, wagte ich mich trotzdem an die Miniserie. Die meiste Zeit über gestaltet diese sich als seriöse Veranstaltung. Die gelegentlich eingestreuten Gags verfehlen daher zum Teil ihre Wirkung, weil man als Zuschauer oft nicht weißen, ob man an den betreffenden Stellen lachen darf/soll oder nicht. Im Grunde präsentiert sich TwitHAtSFtGitW wie eine Hochglanz-Produktion eines herkömmlichen US-Networks. Ein Format, das in der Ära hochwertiger und komplexer Serien nicht mehr zeitgemäß wirkt. Passend dazu gestaltet sich die ganze Angelegenheit oberflächlich und unmotiviert. Es spricht Bände, dass hier wieder fast nur perfekt aussehende oder zumindest sehr gut gestylte Menschen vorkommen. Protagonistin Anna ist vom Tod ihrer Tochter völlig traumatisiert und sollte eigentlich so aussehen, wie eine Frau, die sich total gehen lässt, ein Alkoholproblem hat und kaum noch das Haus verlässt. Stattdessen sieht sie wie gemäß oberflächlichem Hollywood-Kitsch-Knigge üblich in JEDER Szene perfekt geschminkt aus! Die aus meiner Sicht fehlbesetzte Hauptdarstellerin Kristen Bell (allgemein bekannt für Veronica Mars und Gossip Girl; ich kenne sie eher aus ihrer Rolle in Heroes) passt sich der ganzen Ästhetik dann konsequenterweise an und liefert ähnlich wie der Rest des Ensembles eine eher ausdruckslose, oberflächliche Performance ab.

Mit der immer wieder Haken schlagenden Story hat mich die Miniserie ehrlicherweise ganz gut bei der Stange gehalten, auch weil sie natürlich zum Miträtseln einlädt. Nach sieben von acht Folgen glaubt man die mögliche, behämmerte Auflösung zu kennen. Nur zaubert das Drehbuch in der letzten Episode dann einen Twist aus dem Ärmel, der völlig banane ist und selbst in einer Parodie überzogen wirkt. Dabei entpuppt sich TwitHAtSFtGitW nicht als völliger Reinfall. Trotz aller Oberflächenreize ist die ganze Show solide inszeniert und Grund zum Lachen gibt es dann doch immer wieder. Aber inhaltlich ist das alles plumpes Malen nach Zahlen, wobei man bis auf ein paar eingetrocknete Filzstifte alle Farben vorher weggeworfen hat und kurz vor dem Finale den Geistesblitz hat, dass ja noch ein Eimer mit Blutrot auf dem Dachboden rumliegt.

Jedenfalls war die Miniserie dank des Konsums von ca. 25 Flaschen Rotwein gut auszuhalten. An dieser Stelle ist leider Schluss, denn ich muss dringend nachsehen, ob dieser tranige Handwerker nach Monaten immer noch den Briefkasten zu reparieren versucht. Außerdem giert es mir nach einem Auflauf und ich darf auf keinen Fall die spannenden Ereignisse im Haus gegenüber verpassen. Leider haben die Tabletten nicht gegen meine panische Angst vor der Farbe Umbra, auch bekannt als Umbraphobie, geholfen. Ich schweife ab.

Die Miniserie The Woman in the House Across the Street From the Girl in the Window ist seit dem 28. Januar 2022 bei Netflix abrufbar.


The Woman in the House Across the Street From the Girl in the Window
Thriller/Miniserie USA 2022. 8 Folgen. Gesamtlänge: ca. 204 Minuten.
Mit: Kristen Bell, Tom Riley, Michael Ealy, Samara Yett, Cameron Britton, Mary Holland, Christina Anthony, Shelley Hennig u.a. Idee und Drehbuch: Rachel Ramras & Hugh Davidson & Larry Dorf. Regie: Michael Lehmann.

 

 

Credits
Bilder (c) Netflix.

 

 

7 Responses to The Woman in the House Across the Street From the Girl in the Window

  1. […] der Woche Tod auf dem Nil (2022) The Woman in the House Across the Street From the Girl in the Window Mulholland […]

  2. Herba sagt:

    Ca 25 Flaschen Rotwein? Kommt die Serie wenigstens mit einem Warnhinweis für die Leber der Zuschauer? 😉

  3. […] Serien The White Lotus: Staffel 1 The Woman in the House Across the Street From the Girl in the Window […]

  4. Ja leider waren die Momente der Ironie zu wenige. Das Mittelding zwischen solidem Krimi und Persiflage kam auch bei mir nicht so gut an. Ein klitzekleines bisschen hat sie mich (punktemäßig) besser amüsiert als dich. Solche Szenen wie die Briefkastennummer und die schwurbeligen Voice-Overs waren schon ganz witzig.

  5. […] Ich mag ja theoretisch Parodien sehr gerne, aber The Woman in the House Across the Street From the Girl in the Window entpuppte sich leider als lahme und halbgare […]

  6. […] als ob es tatsächlich eigenhändig von mir selbst geschrieben worden wäre. Bei der Rezension zu The Woman in the House Across the Street From the Girl in the Window kam InstantReview erstmals testweise zum Einsatz. Das Ergebnis war durchaus zufriedenstellend […]

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