Tribes of Europa

2074. Europa ist nach einem apokalyptischen Blackout ein Ödland mit sich bekämpfenden Kleinststaaten und Stämmen. Nachdem einem Angriff auf ihren naturverbundenen Stamm kämpfen drei Geschwister in einer gnadenlosen Welt ums Überleben, in der deutschen Netflix-Serie Tribes of Europa.


Jäger des verlorenen Cubes

Im Dezember 2029 legte ein europaweiter Blackout sämtliche Technologie lahm. Der ganze Kontinent versank darauhin in Anarchie. Diverse Zwergstaaten und Tribes bildeten sich in der Folge heraus. 45 Jahre später: die Geschwister Liv (Henriette Confurius), Kiano (Emilio Sakraya) und Elja (David Ali Rashed) gehören zu den Origines, einem kleinen von ihrem Vater Jakob (Benjamin Sadler) geleiteten Stamm, welcher ohne jeglichen technischen Fortschritt im Einklang mit der Natur im Wald lebt. Eines Tages erleben die drei Geschwister den Absturz eines mysteriösen Flugkörpers in der Gegend. Sie treffen auf den schwerverletzten Piloten (Michaël Erpelding), welcher gegen den Widerstand der anderen Stammesmitglieder mit in die Siedlung genommen wird. Der Pilot gehört zu den Atlantiern, einem sagenumwobenen Tribe, der den Blackout angeblich unbeschadet überstanden haben soll. Er übergibt Elja einen geheimnisvollen Cube und bittet ihn, diesen zu den Atlantiern in deren Arche zu bringen. Kurze darauf werden die Origines von den gnadenlosen Crows, die auf der Suche nach dem Würfel sind, angegriffen. Nach großen Verlusten werden Jakob und Kiano in die Crow-Hauptstadt Brahtok verschleppt, während Elja die Flucht gelingt. Er trifft auf den Schrottsammler Moses (Oliver Masucci), der den Cube gewinnbringend verkaufen und den Profit mit Elja teilen möchte. Liv überlebt unterdessen trotz einer schweren Verletzung. Sie trifft auf Soldaten der Crimson Republic, einem Militärstaat, unter Commander Voss (Robert Finster). Die Crimsons verteidigen die einzelnen Stämme gegen die Crows und wollen Ordnung bzw. Frieden in Europa widerherstellen. Nach schwerer Arbeit in einer Wolk-Fabrik erregt Kiano die Aufmerksamkeit von Lord Varvara (Melika Foroutan), einer ranghohen Offizierin der Crows. Sie nimmt ihn ihren kleinen Harem von männlichen Sklaven auf. Liv versucht bei den Crimsons einen Weg zu finden, ihre Familie aus Brahtok zu befreien. Kann die Crow-Gefangene Grieta (Ana Ularu) ihr dabei helfen?

Endzeit-Serien sind derzeit durchaus ein beliebtes Serien, egal was genau der Grund für die katastrophalen Verhältnisse sind. Neben dem Zombie-Apokalypse-Franchise The Walking Dead (seit 2010) fallen mir spontan die Teenie-Fantasyserie The Shannara Chronicles (2016-2017), nach den Büchern von Terry Brooks, und Into the Badlands (2015-2019), eine temporeiche Mischung aus Science-Fiction, Fantasy, Western und vor allem Martial-Arts-Abenteuer, ein. Auch die von Netflix produzierte und veröffentlichte epische, deutsche Zeitreise-Serie Dark (2017-2020) behandelte das Thema Endzeit. Der Streaminggigant mit dem roten N ist ja immer bestrebt, seinen Abonnenten ein breites Spektrum an Eigenproduktionen und eingekauftem Content zu liefern. Nicht selten kommen dabei in letzter Zeit auch durchwachsene oder mäßige Serien heraus. Tribes of Europa gehört leider in diese Kategorie. Da sich die oben genannten Produktionen ausschließlich auf dem amerikanischen Kontinent abspielen, macht es absolut Sinn, die Auswirkungen einer Apokalypse auf Europa zum Thema einer Serie zu machen. Das dachte sich wohl Drehbuchautor und Regisseur Philip Koch (Unfriend, Play und diverse Tatort-Episoden) und schuf Tribes of Europa, wobei er nicht nur als Showrunner/Executive Producer fungierte und mit Jana Burbach (Bad Banks) und Benjamin Seiler (8 Tage), sondern neben Florian Baxmeyer (Die drei ???) auch die Regie übernahm. Laut Koch wurde die Prämisse übrigens vom Brexit inspiriert. Die Dreharbeiten fanden vom 9. September bis 22. Dezember 2019 in Deutschland, Kroatien, Tschechien und Südafrika statt. Neben überwiegend deutschen Schauspielern setzte man auch auf internationale Darsteller.

Zu Anfangs erschien mir das Setting von „Tribes“ durchaus interessant. Die Geschichte wird fast ausschließlich aus der Sicht der drei Origine-Geschwister erzählt, die von der Welt bisher nur ihre Heimat im Wald kannten, und nun in unterschiedliche Richtungen verstreut sind. Der Zuschauer vermag also das endzeitliche Europa mit ihren Augen zu entdecken. Auch wenn der Fokus in den meisten Szenen eher klein gehalten wird, so empfand ich Kulissen, Setdesign und auch die visuellen Effekte als durchaus gelungen. Für eine Basis der Crimsons drehte man übrigens in und um das Denkmal von Petrova Gora, einer Gedenkstätte für die Opfer des Jugoslawienkrieges in Kroatien. Details über die Ursache des „Schwarzen Dezembers“, die Identität der Atlantier oder andere wichtige „Geheimnisse“ sind sehr rat gesät, dienen aber sicherlich als Brotkrumen für weitere Staffeln, falls es dazu kommen sollte. Die potenzialträchtige Prämisse und die ordentlichen Production Values können aber mit der Zeit immer weniger darüber hinwegtäuschen, dass Tribes of Europa inhaltlich schlampig und recht oberflächlich daherkommt. Es fehlt hier vor allem an Zeit. Die Laufzeit der sechs Folgen pendelt zwischen 44 und 49 Minuten. Doch jede Episode hat einen sieben (!) Minuten langen Abspann! Ich vermute, um Zeit zu schinden und dem geneigten Credit-Aficionado zu zeigen, wie riesig und (personell) aufwändig die Produktion war. Beim Überspringen des Abspanns ist die Serie also quasi eine Folge kürzer. Die kurze Nettolaufzeit von lediglich vier Stunden rächt sich am Ende massiv beim Worldbuilding und in erzählerischer Hinsicht.

Es wirkt als hätten Koch und seine Co-Autoren ursprünglich viel mehr Material in die erste Staffel packen wollen, doch die fehlende Zeit bei der Produktion zwang sie die Handlung zurecht zu kürzen. Immer wieder gibt es spannende Plotelemente und Nebenfiguren, deren Potenzial aber dadurch völlig verschwendet wird, dass diese durch eine meist beliebige Wendung plötzlich „weggeworfen“ werden. Da spricht eine Person vom guten alten Europa und dem hehren Ziel, dieses wieder aufzubauen, nur um zwei Szenen später ins Gras zu beißen. Entfernungen spielen überhaupt keine Rolle. Die Handlung scheint sich in einem Umkreis von etwa 60 km abzuspielen. Tribes of Europa bietet auf den ersten Blich ein reichhaltiges (Endzeit-)Menü, nur um sich dann am Ende als Fastfood in aufgeblasener Verpackung zu präsentieren. Den Vogel schießen die Macher aber mit die Gesellschaft der Crows ab. Dieser auf Stärke, Hass, Gewalt und ein degeneriertes Ehrgefühl aufbauende Tribe wird als völlig plumpe Fetisch-Kostümparty inszeniert. Da zwingt die in abartigen High-Heels herumstaksende (gelernte SM-Domina) Varvara ihren neuen Lieblingssklaven mit dem Messer an der Kehle zum Beischlaf. Dass die Crows sadistische Killer sind wird dem Publikum mit dem Holzhammer völlig eingebläut. Natürlich werden in Brahtok aka Berlin auch blutige Gladiatorenkämpfe veranstaltet. Schließlich möchte „Tribes“ auch so cool wie Die Tribute von Panem sein, wobei sich die Fights eher auf dem Niveau der Sex-und-Splatter-Orgie Spartacus: Blood and Sand abspielen, nur halt mit weniger Blut. Das Schauspiel gestaltet sich teilweise auch durchwachsen. Oliver Masucci (Dark) bringt als windiger Schrottsammler Moses wenigstens Humor in die Veranstaltung, aber sein Gegenüber Davd Ali Rashed kann die Anforderungen an die eigene Rolle kaum erfüllen. Auf der Overacting-Skala weit oben agiert Sebastian Blomberg (Anatomie) als durchgeknallter Crow-Overlord Ivar. Sein monströser Pelzmantel illustriert gekonnt die plumpe Oberflächlichkeit der Show. Sollte „Tribes“ fortgesetzt werden (Koch plant sage und schreibe neun Staffeln), so muss man sich eindeutig mehr Zeit für die Charakter- und Storyentwicklung nehmen.

Alle sechs Folgen von Tribes of Europa sind seit 19. Februar 2021 bei Netflix abrufbar.


Tribes of Europa
Endzeitdrama Deutschland 2021. 6 Folgen. Gesamtlänge: ca. 285 Minuten. Mit: Henriette Confurius, Emilio Sakraya, David Ali Rashed, Oliver Masucci, Melika Foroutan, Robert Finster, Anna Ularu, Benjamin Sadler u.a. Idee: Philip Koch. Drehbuch: Philip Koch, Jana Burbach und Benjamin Seiler. Regie: Philip Koch und Florian Baxmeyer.

 

Credits
Bilder (c) Netflix/W&B Television.

 

 

 

 

 

One Response to Tribes of Europa

  1. […] der Woche Children of Dune Tribes of Europa 2010 bis 2019: Die besten Serien der Dekade (Teil […]

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