Die Chroniken von Adele T. Young

Es war mittlerweile später Abend. Der Abend des Tages von Mary Trarys 18. Geburtstag. Ein Tag, nachdem nichts mehr so sein sollte, wie es bisher war. Nicht nur, weil die wunderhübsche Mary jetzt volljährig war und ihren weiteren Lebensweg theoretisch bestimmen konnte, ohne ihre Mutter Connie Trary ständig um Erlaubnis fragen zu müssen. Theoretisch zumindest. Denn was Mary an jenem heutigen Tag erfahren hatte, würde ihr Leben von Grund auf völligst verändern. Nachdem sie sich die letzten Jahre auffällig merkwürdig verhalten hatte und diesbezügliche Fragen immer abschmetterte, rückte Connie Trary am 18. Geburtstag ihrer einzigen Tochter endlich mit der Wahrheit heraus.

Connie und Mary Trary waren keine normalen Menschen, keine normalen Verkäuferinnen in einem eigenen Laden mit schickem, aber im Grunde unnützem, Dekorationsbedarf für Haus und Garten. Sie stammten aus einer langen Linie eines arkanen Geheimbundes, der sich seit Jahrtausenden zur Aufgabe gemacht hatte, finstere Kreaturen wie Vampire, Werwölfe, Zombies, Hedgefonds-Manager und andere „freie Finanzdienstleister“ zur Strecke zu bringen. Daher hatten die beiden vor ein paar Jahren auch dieses verwinkelte Apartment nicht weit entfernt von der Wall Street bezogen. Deswegen hatten beide ein merkwürdiges, magisches Mal unter dem linken großen Zeh, das ockerfarben aufleuchtete, wenn ein Vampir, Werwolf, Zombie, Hedgefonds-Manager oder ein anderer „freier Finanzdienstleister“ in der Nähe war. Connie hatte ihrer Tochter zu verstehen gegeben, dass sie jetzt ihr Leben dem Fortbestand des Ordens und dem Kampf gegen die mehrfach bereits genannten Menschenfresser widmen musste. Aber dabei hatte sich Mary doch schon so auf ihr Studium am College gefreut, welches sie dann zugunsten einer Karriere als Unterwäsche- oder Kosmetik-Model schnell abgebrochen hätte. Sie hatte sich als selbstbewusste, junge Frau im Alter von 12 Jahren vorgenommen, ein eigenständiges und selbstbestimmtes Leben zu führen. Und dabei macht ihr jetzt dieser blöde Geheimorden einen Strich durch die Rechnung. Nicht zu fassen.

Schlimmer allerdings war die Antwort auf jene eine Frage, deren Beantwortung Connie seit Mary sprechen konnte ausgewichen war. Wer ist mein wirklicher Vater? Es ist nicht unser tuckiger Friseur, richtig? Nein, es ist der erfolgreiche Star-Politiker Ronald Rump! Mary hatte vor Verzweiflung aufgeschrien. Das konnte nicht sein! Doch sie musste damit leben, immerhin zahlte Papa Ronald seit 20 Jahren brav Alimente. Es war alles zu viel Information für einen Tag. Mary lag im Bett und weinte sich in den Schlaf. Was würde aus der schrägen Beziehung zu ihrem besten Freund und Klassenkameraden José werden? José, der intelligente Typ mit der Hipster-Brille (manche an der Schule nannten ihn „Señor Friendzone“), der ihr unentwegt auf die durchaus üppigen Brüste und den Hintern starrte, auch wenn er vergeblich versuchte, sich es nicht anmerken zu lassen. Sie war ja schließlich nicht blind und taub. Die Freundschaft konnte sie wohl vergessen. Mit dem Wissen über die Geheimloge würde sie José auch unnötig in Gefahr bringen. Sie war dazu verdammt, gemeinsam mit ihrer Mutter (und deren merkwürdigen Bekanntschaften) gegen das Böse zu kämpfen, bis ihr Traumprinz (der wahlweise wie Jamie Campbell Bower oder Taylor Lautner aussah) sie finden würde und ihr alle die schwierigen Herausforderungen des Lebens abnehmen würde. Davon träumte Mary jetzt schon, bis sie ihre vorläufig letzten Tränen vergoss und friedlich einschlief…

 

 

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2 Responses to Die Chroniken von Adele T. Young

  1. […] Sonstiges Die Chroniken von Adele T. Young (Kurzgeschichte) […]

  2. […] 5 Die Chroniken von Adele T. Young Leider gab es bisher keinerlei Resonanz auf meine sehr spontan geschriebene Kurzgeschichte. Wenn […]

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